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Was ist die Schwesternwunde?

Ich dachte lange Zeit, dass Frauenfreundschaften einfach nicht gut gehen können. Erst in den letzten drei Jahren beginne ich zu begreifen, dass Frauenfreundschaften tatsächlich voller Magie, voller Kraft und voller Liebe sind. Wenn wir die Schwesternwunde hinter uns lassen können, dann ist eine Frauengemeinschaft der Ort, an dem alles möglich ist.

Doch die ersten drei Jahrzehnte meines Lebens hatte ich das Gefühl, dass sich immer irgendwann Neid, Eifersucht, Misstrauen und Missgunst, Konkurrenzkampf, Streitereien, Intrigen und andere Verletzungen in Frauenfreundschaften einschleichen.

Dann lieber Freundschaften mit Männern. „Die sind so viel einfacher und unkomplizierter“ – meinte ich. Aber ist das wirklich so? Vor allem wenn Frau bedenkt, dass eine Seite häufig doch mehr Gefühle entwickelt…? Und können sie je so tief sein wie die echte Verbindung zu anderen Frauen?

Wie zeigt sich die Schwesternwunde?

Vielleicht kennst Du das: Wenn Du in eine Gruppe Dir fremder Frauen kommst, fängst Du möglicherweise an, die anderen zu beobachten, Dich zu vergleichen und Du bemerkst, wie der ein oder andere Gedanke kommt. Zum Beispiel:

  • Ich bin nicht gut genug.
  • Ich bin zu viel.
  • Sie werden mich sowieso nicht mögen.
  • Ich kann nichts zur Gruppe beitragen.
  • Ich komme mit anderen Frauen nicht zurecht.
  • Das wird doch wieder in einer Enttäuschung enden.

Oder vielleicht sind es auch eher beurteilende Gedanken:

  • Wie sieht die denn aus?
  • Wie redet die?
  • Meint die eigentlich, die ist was Besseres?
  • Die ist aber eitel.
  • Die meint wohl, sie kann jeden haben.

Es ist die Schwesternwunde, die sich in diesen Gedanken zeigt und Dich regelrecht davon überzeugt, dass Du in dieser Gruppe Frauen nicht bestehen kannst, nicht dazu gehören wirst.

Wir fangen automatisch an, uns mit ihnen zu vergleichen. Und die kleine, aber nachdrückliche Stimme in uns sagt, dass wir niemals gut genug für die anderen sein werden.

Und es ist auch die Schwesternwunde, die ihren Kopf hebt, wenn wir von anderen Frauen gemobbt werden oder sie gar selbst mobben.

Die kollektive Schwesternwunde beeinflusst uns von Kindheit an

Die Schwesternwunde bringt uns schon früh bei, mit anderen Frauen in einen Wettkampf zu treten.
Wir lernen die Rangfolge in ganz jungen Jahren – es nach oben hin allen Recht machen, um gut da zu stehen und nach unten hin hacken, um die Rangordnung halten zu können. Und wie wir hacken: mit Eifersucht, Misstrauen, Schikanen, Entfremdung, Lästerei, Intrigen, Verurteilungen und damit, anderen Frauen in den Rücken zu fallen.
Statt Zugehörigkeit und gemeinsamer Kraft lernen wir körperliche Entfremdung und Scham.

Weißt Du genau, wann Du was möchtest und kommunizierst das auch liebevoll, oder ertappst Du Dich häufig dabei, ja zu sagen, wenn Du nein meinst und dann einen entsprechenden Groll zu hegen, weil Du Dich ausgenutzt fühlst? Auch dieses Verhalten ist eine Folge der Schwesternwunde.

Durch diesen Umgang miteinander entsteht eine tiefes Trauma. Es sitzt so tief, dass wir es auch als Erwachsene nicht einfach abschütteln können, es hat sich eingebrannt. Meistens haben wir das Gefühl, es auch gar nicht zu verdienen, Teil einer liebevollen Frauengemeinschaft zu sein.

Nicht nur die Frauen in unserem Leben wissen es nicht besser und geben diese Verhaltensweisen an uns weiter. Auch die Medien sind voll davon:

  • Werbung, die behauptet, eine Frau sei nur dann besser als ihre Nachbarin, wenn sie Produkt xyz verwendet.
  • Filme, in denen Frauen sich mit einem Blick von oben nach unten bemessen, um dann zu entscheiden, ob die andere Konkurrenz ist, oder nicht.
  • Fernsehsendungen, in denen mehrere Frauen um die Gunst eines Mannes werben.

Auch Scham wird uns bereits früh vermittelt:

  • bis vor kurzem war die Menstruationsflüssigkeit bei Binden- und Tampon-Werbung blau!

Warum gibt es die Schwesternwunde überhaupt?

Es gibt tatsächlich einen Verantwortlichen für diese Zustände: Das – heute weiterhin aktuelle – Patriarchat. Also die Tatsache, dass Männer in dieser Welt über Ordnung, Struktur und Vorgehensweisen entscheiden und sich selbst als machtvoller als die Frau betrachten. Die Frau hat sich diesen Vorgaben zu fügen (obwohl ihr System etwas ganz anderes braucht, um gesund zu bleiben!). Auswirkungen des Patriarchats sind zum Beispiel:

  • Die Frau verdient in der Regel weniger als der Mann,
  • sie leistet mehr unbezahlte Care-Arbeit,
  • sie nimmt bei der Hochzeit den Namen des Mannes an,
  • in manchen Ländern hat sie kein Recht auf Bildung und
  • wird zwangsverheiratet,
  • uvm.

Das Patriarchat wollte nicht, dass Frauen sich in einer Gemeinschaft zusammenfanden, dass sie gemeinsam wuchsen, an Stärke gewannen, heilten und an Macht zunahmen. Frauen können Dinge, von denen Männer nur träumen können – zum Beispiel ein Kind auf die Welt bringen. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Männer den Schmerz nicht ertragen würden. Und statt die Frauen für ihre enormen Kräfte, ihre Weisheit und ihre Fähigkeiten zu feiern, wurden sie von Männern kontrolliert und unterdrückt. Nur durch diese Unterdrückung und Unterwerfung konnten die Männer sich als das stärkere, bessere und machtvollere Geschlecht darstellen.

Die Hexenverfolgung, die hauptsächlich Frauen betraf, setzte dem Ganzen noch die Krone auf.

Frauen, die sich in einer Gemeinschaft zusammen fanden und dieser Gemeinschaft ihre Stärken zur Verfügung stellten, wurden ermordet.

Also waren die Frauen gezwungen, ohne Gemeinschaft weiter zu leben, wenn sie überleben wollten. Und noch heute kann manch eine von uns die Angst vor einer Frauengemeinschaft spüren, denn die historische Angst vor den Konsequenzen liegt in unseren Zellen, in unseren tiefsten Ebenen, verborgen.

Das Patriarchat hat es geschafft uns einzubläuen, dass Frauen gefährlich und unverlässlich sind, dass sie in Konkurrenz zueinander stehen. Und dass sie schwach und abhängig von den Männern sind.

Was ist die Schwesternwunde also konkret?

Die Schwesternwunde ist der Schmerz, das Misstrauen, die Schwere, die Frauen fühlen, wenn sie voneinander sprechen. Eifersucht, Unsicherheit, Stutenbissigkeit, Vergleiche, Angst, Verurteilung – das sind alles Wege, wie sich die Schwesternwunde in Beziehungen mit anderen Frauen zeigt.
Wir sehen andere Frauen nicht als Schwestern, sondern als Konkurrentin, Feindin und die Quelle von Verletzung.

Und wir haben diese Gefühle so verinnerlicht, dass sie mittlerweile schon ganz früh installiert werden, wie oben bereits beschrieben. Ich habe meine ersten Erfahrungen damit in der 6./7. Klasse gemacht.
Hier lernen wir zu mobben oder gemobbt zu werden, andere für ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihre Entwicklung (vor allem die sexuelle Entwicklung: wer hat schon mit wem…?), für ihre Art zu reden usw. zu verurteilen.
Später werden wir mit diesen Frauen um Männer, Jobs und ganz allgemein um Macht konkurrieren. Wir werden uns so sehr auf dieses gegenseitige bekämpfen konzentrieren, dass uns der eigentlich Feind gar nicht auffällt: Das Patriarchat und die Tatsache, dass wir komplett entkoppelt sind von unserer Weiblichkeit.

Ganz deutlich zeigt sich das auch, wenn wir über andere Frauen reden: Die blöde Kuh, die Schlampe, das Flittchen. Diese Wörter werden meiner Meinung nach häufiger von Frauen verwendet, als von Männern…
Diese Worte wurden von einem System erschaffen, das Frauen nicht respektiert…und wenn wir sie uns gegenseitig ins Gesicht klatschen, glauben wir, wir würden die Macht wieder an uns zurück reißen. Doch es zeigt nur, wie sehr wir uns diesem System angepasst und es übernommen haben.

Wie sehen Frauenfreundschaften ohne die Schwesternwunde aus?

Geht es Dir auch so? Eigentlich möchtest Du tiefe, intime Beziehungen mit Frauen, aber so gut wie immer endet es in Verletzungen oder Enttäuschungen. Du beschuldigst Dich selbst, Du findest Entschuldigungen, Du fühlst Dich hilflos.

Doch das, was Du heimlich suchst, hat es früher schon einmal gegeben:

Vor der Industrialisierung haben wir in großen Gemeinschaften gelebt, in denen Frauen und Männer sich in ihrer Arbeit gegenseitig vervollständigt haben und alle ihren Teil zur Familie beigetragen haben. Frauen haben sich vor allem ums Waschen, Kochen, Nähen, um die Landwirtschaft, um das Aufziehen der Kinder, Feierlichkeiten und das Ausleben der Kreativität gekümmert. Frauen haben sich untereinander für Ihre Stärken geschätzt und jede durfte ihre Stärken für das Gemeinwohl einsetzen. Jede Frau hatte ihre Berufung (Heilerin, Hebamme, Kräuterfrau etc.) und sie haben sich gerne in ihrer Kraft durch andere Frauen ergänzen lassen.

Stell Dir nur vor, Du würdest in einer Frauengruppe leben, in der Du Stolz auf Deine Gaben und Deine Besonderheiten sein darfst und Dich wohl damit fühlen darfst, ein wichtiger Teil der Gruppe zu sein. Anstatt etwas genau wie eine andere machen zu wollen und dann entsprechend enttäuscht zu sein. Niemand kann alles machen oder haben. Jede von uns ist in ihrer Art und in ihren Gaben einzigartig – und das dürfen wir feiern. Jede für sich und alle zusammen.

Eine Frauenfreundschaft ohne die Schwesternwunde ist echte Schwesternschaft. Wir glauben sie sei schwer oder gar nicht zu erreichen. Also geben wir meist auf, bevor wir überhaupt anfangen es zu versuchen. Wir sabotieren uns selbst, um gar nicht erst die Möglichkeit zu erschaffen. All die limitierenden Glaubenssätze kommen hoch.

Aber wenn wir diese patriarchalische Konditionierung entfernen, erkennen wir, dass es für uns das natürlichste der Welt ist, in einer Gruppe von Frauen zu leben und gemeinsam zu heilen.

Wie wir wieder in unsere Kraft kommen und Schwesternschaft erleben können.

Die Schwesternwunde zu heilen ist der Weg, um wieder in unsere Kraft zu kommen und unsere Macht und Magie wieder aufblühen zu lassen, die jede einzelne von uns in sich trägt.

Doch der Kampf der Frauen untereinander ist vom Patriarchat gewünscht. Stell‘ Dir nur vor, wir würden uns alle gegen das System der Unterdrückung auflehnen! Dann würde ja das ganze System kippen.

Wie absurd es ist, dass wir Frauen es selbst sind, die sich gegenseitig entmächtigen und damit das ganze Konstrukt am Leben halten.

Wenn wir die Schwesternwunde heilen, können wir uns endlich wieder gegenseitig bestärken und unterstützen, wir können uns gegenseitig schätzen und uns gegenseitig dabei helfen, wieder ganz in unsere Kraft zu kommen.

Stell‘ Dir nur vor, wenn wir das Gleichgewicht wieder herstellen, in was für einer liebevollen Welt wir dann wieder leben können!

Es ist essentiell, dass wir im Zusammenhang mit der Schwesternwunde ungefiltert ehrlich mit uns selbst sind. Wenn wir diejenigen waren, die ausgeteilt haben, ist es der erste Schritt zur Heilung, wenn wir uns das eingestehen und ab sofort anders handeln. Aus Liebe und Mitgefühl. Vor allem uns selbst und dann jeder anderen Frau gegenüber.

Wie der Frauenkreis uns zurück zur Schwesternschaft führt.

Die Schwesternwunde hindert uns daran, in tiefe Beziehungen zu investieren. Sie hält uns in der Dunkelheit und in Isolation. Sie überzeugt uns davon, dass wir alleine agieren sollten, dass wir anderen Frauen nicht trauen können, dass andere Frauen uns beschämen und verurteilen werden. Und egal wo wir hinschauen, wir können erkennen, wie tief sich die Schwesternwunde in unser Unterbewusstsein gegraben hat und wie die meisten aus ihr heraus handeln und mit anderen Frauen umgehen.

Dabei sind Intimität und Verbindung das, was die meisten von uns im Leben suchen.

Dazu dürfen wir zu allererst erkennen, dass wir bisher zur Schwesternwunde beigetragen haben und entscheiden, dass wir das ab sofort nicht mehr möchten. Und dann können wir Frauen uns in Gemeinschaft treffen und über die Schwesternwunde reden.

Wenn wir uns im Frauenkreis treffen, darf jede Frau alle ihre Masken fallen lassen und einfach sie selbst sein. Und sie wird genauso willkommen geheißen und geschätzt.

Hier können wir uns über darüber unterhalten, was die Schwesternwunde mit uns macht:

  • Dass es uns schwer fällt, uns auf andere zu verlassen,
  • dass unsere Erlebnisse uns davon abhalten, enge Freundschaften zu schließen,
  • wir geben zu, dass wir andere Frauen verurteilen, dass wir lästern und anderen etwas übel nehmen,
  • wir teilen unsere Unsicherheiten, was uns beschämt und beängstigt.

Alles, was sich im Zusammenhang mit der Schwesternwunde zeigen möchte, darf sich im Kreis zeigen. Es darf an die Oberfläche kommen, angeschaut und dann losgelassen werden. Es tut so gut festzustellen, dass wir alle so empfinden. Häufig wirkt es ja von außen so, dass andere alles unter Kontrolle hätten und ganz unbeeindruckt von dem Verhalten von Frauen untereinander wären.

Wir können uns nur gemeinsam da durch arbeiten, um auf der anderen Seite geheilt heraus zu kommen und in die Schwesternschaft und die Verbindung, nach der wir uns so sehr sehen, einzutreten.

Heilung passiert, in dem wir die anderen Frauen sehen:

  • ihre Unsicherheiten,
  • ihre Verletzlichkeit,
  • ihre Ängste,
  • ihre Traumata,
  • ihre Stärken,
  • ihre Kraft,
  • ihre Liebe,
  • ihr Mitgefühl.

Wir sehen einander, ohne Angst zu haben, verurteilt zu werden, und ohne Angst vor Scham oder Konkurrenz.

Und dann können wir auch uns selbst viel leichter sehen und akzeptieren.

Wir heilen, indem wir in einem Kreis, in einer Gemeinschaft zusammen sind, und den Teil von uns lieben, der die Wunde in sich trägt.

Wir dürfen uns unser Recht, mit anderen Frauen zusammen zu sein, wieder zurück erobern. Damit wir wieder magische, heilende Erfahrungen mit unserer inneren Weisheit schaffen können.

Lasst uns das gemeinsam machen! Um wieder Weiblichkeit und Magie in diese Welt zu bringen.

Ich freue mich auf Deine Gedanken zu diesem Thema. Schreib mir gerne in die Kommentare, wie es Dir mit der Schwesternwunde geht, ob Du sie schon kanntest und falls ja, wie Du sie für Dich auflöst.

In Licht & Liebe,
Deine Beate

Quellen

https://www.wildroseproject.com/blog/sisterwound

https://www.reflectivehealing.com/blog/fortcollins/therapy/reflectivehealing/the-sister-wound-and-womens-circles

https://rewildingforwomen.com/sister-wound/

https://frauenseiten.bremen.de/blog/was-ist-eigentlich-das-patriarchat/

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